Taiwan – die Insel, die alle unterschätzen und keiner mehr verlassen will

Blick auf Taipeh, Foto: Thomas Tucker/Unsplash

Es ist kurz nach sieben Uhr abends, als der Raohe-Nachtmarkt in Taipeh zu dem wird, was er jeden Abend wird: ein einziger, dampfender Organismus. Am Eingang, direkt neben dem bunt beleuchteten Ciyou-Tempel, schiebt ein Mann Teigtaschen in einen Lehmofen, der aussieht wie ein Tandoori-Ofen und exakt so riecht. Pfefferfleisch-Buns, umgerechnet keine zwei Euro das Stück. Die Schlange davor ist zwanzig Meter lang, und niemand drängelt. Das ist vielleicht das Erste, was man über Taiwan lernt: Hier steht man geduldig an – und es lohnt sich immer.

Taiwan ist das Reiseziel, das seit Jahren in allen Trendlisten auftaucht und trotzdem nie überlaufen ist. Eine Insel, kleiner als die Niederlande, auf der fast 4.000 Meter hohe Berge stehen. Ein Land mit der Tempeldichte Südostasiens, der Zugpünktlichkeit Japans und Straßenessen, für das Foodblogger Umwege von mehreren tausend Kilometern fliegen. Und während sich halb Europa in Kyoto gegenseitig auf die Füße tritt, wandert man in Alishan fast allein durch tausendjährige Zypressenwälder.

Wer jetzt bucht, erwischt einen seltenen Moment: Taiwan ist touristisch komplett erschlossen, aber noch nicht entdeckt. Genau das Zeitfenster, in dem Reisen am schönsten ist.

Taipeh – eine Hauptstadt, die man unterschätzt, bis man oben steht

Taipeh am Abend, Foto: Timo Volz/Unsplash
Taipeh am Abend, Foto: Timo Volz/Unsplash

Taipeh hat kein Kolosseum, keinen Eiffelturm, keine Skyline wie Hongkong. Was Taipeh hat, ist ein Rhythmus. Tagsüber schieben sich Rollerkolonnen durch die Straßenschluchten, abends verwandeln sich ganze Viertel in Open-Air-Küchen. Der Taipei 101, bis 2007 das weltweit höchste Gebäude, ragt wie ein gestapelter Bambusspross über die Stadt – doch der beste Blick auf ihn ist gratis: vom Elephant Mountain, einem kurzen, schweißtreibenden Treppenweg am östlichen Stadtrand, den man zum Sonnenuntergang hinaufsteigt, um zuzusehen, wie die Stadt ihre Lichter anknipst.

Dazwischen liegt eine Kulturdichte, die man dieser Betonstadt nicht zutraut. Das Nationale Palastmuseum beherbergt eine der größten Sammlungen chinesischer Kunstschätze der Welt – die Kaiser-Sammlung aus der Verbotenen Stadt, die 1949 auf die Insel gebracht wurde. Der Longshan-Tempel im alten Viertel Wanhua ist seit 1738 in Betrieb und abends voller Menschen, die zwischen Räucherschwaden Orakelhölzer werfen. Und dann sind da die Nachtmärkte: Über ein Dutzend hat allein Taipeh, Shilin ist der größte, Raohe der atmosphärischste. Eine komplette Mahlzeit – Austernomelett, Stinky Tofu, Bubble Tea, der hier erfunden wurde – kostet selten mehr als sechs bis zehn Euro.

Beste Reisezeit: Oktober bis April; im Sommer ist Taipeh schwül und taifungefährdet.
Anreise: EVA Air fliegt viermal wöchentlich nonstop München–Taipeh, rund zwölf Stunden. Ab Frankfurt und Düsseldorf geht es mit Cathay Pacific via Hongkong.
Tipp: Direkt am Flughafen eine EasyCard kaufen – die aufladbare Karte gilt für Metro, Busse, Züge und sogar Convenience Stores im ganzen Land.

Jiufen – das Bergdorf, das aussieht wie ein Ghibli-Film

A-MEI Tea House, Foto: Alexandra Tran/Unsplash
A-MEI Tea House, Foto: Alexandra Tran/Unsplash

Eine knappe Stunde östlich von Taipeh klammert sich Jiufen an einen Berghang über dem Pazifik. Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier Gold gefunden, das Dorf explodierte zu einer Boomtown mit Teehäusern, Kinos und Opiumhöhlen – und fiel nach dem Ende des Goldrauschs in einen Dornröschenschlaf, der es konservierte. Heute hängen rote Lampions über der engen Old Street, und wenn am Abend der Nebel vom Meer heraufzieht, sieht das mehrstöckige A-Mei-Teehaus tatsächlich so aus, als hätte Hayao Miyazaki es für „Chihiros Reise ins Zauberland“ gezeichnet. Der Regisseur hat zwar stets dementiert, dass Jiufen die Vorlage war – die Ähnlichkeit ist trotzdem verblüffend, und halb Asien pilgert dafür hierher.

Der Trick ist das Timing. Tagsüber schieben sich Reisegruppen durch die Gassen, gegen 17 Uhr fahren die Busse ab – und dann gehört einem der Ort. Wer eine Nacht bleibt, erlebt Jiufen, wie es gemeint ist: leere Gassen, Lampionlicht, unten das schwarze Meer. Auf dem Weg zurück lohnt ein Stopp in Shifen, wo Besucher Wunschlaternen steigen lassen – direkt von Bahngleisen, über die alle 30 Minuten tatsächlich noch ein Zug rollt. Dazu Taro-Bällchen in heißer Süßsuppe, die lokale Spezialität, die man in Jiufen an jeder zweiten Ecke bekommt.

Beste Reisezeit: Ganzjährig möglich; im Winter oft neblig – was die Stimmung eher verstärkt.
Anreise: Ab Taipeh mit dem Zug nach Ruifang und weiter mit dem Bus, oder direkt mit Bus 965 ab Ximen, rund eine Stunde.
Tipp: Unter der Woche anreisen und übernachten – nach 18 Uhr ist die Old Street wie leergefegt.

Sonne-Mond-See und Alishan – Taiwans grünes Herz

Alishan, Foto: Suzi Kim/Unsplash
Alishan, Foto: Suzi Kim/Unsplash

In der Inselmitte liegt der Sonne-Mond-See, Taiwans größter See, eingerahmt von bewaldeten Bergketten, die an nebligen Morgen wie eine Tuschezeichnung wirken. CNN zählte den Radweg am Ufer einst zu den schönsten der Welt, und tatsächlich ist die Runde um den See – vorbei am Wenwu-Tempel und der Ita-Thao-Siedlung der indigenen Thao – eine der entspanntesten Arten, Taiwan zu erleben. E-Bikes gibt es an jeder Ecke, die Seilbahn hinauf zum Aussichtspunkt kostet wenige Euro.

Von dort geht es weiter hinauf: Alishan, auf über 2.200 Metern, ist Taiwans berühmtestes Bergresort und trotzdem kein bisschen mondän. Man kommt wegen eines Rituals hierher, das die Taiwaner seit über hundert Jahren zelebrieren: den Sonnenaufgang über dem Wolkenmeer. Um vier Uhr morgens besteigt man einen Zug der historischen Alishan-Waldbahn, einer Schmalspurstrecke aus der japanischen Kolonialzeit, die sich seit 1912 den Berg hinaufschraubt und nach jahrelangen taifunbedingten Sperrungen seit Juli 2024 wieder durchgehend fährt. Oben wartet man mit Thermosbechern voll Oolong-Tee, bis die Sonne hinter dem Yushan – mit 3.952 Metern Nordostasiens höchstem Berg – aus den Wolken steigt. Danach: Wandern zwischen Zypressen, die älter sind als die meisten europäischen Kathedralen.

Beste Reisezeit: Oktober bis April; November und März gelten als beste Wandermonate, im Frühjahr blühen in Alishan die Kirschbäume.
Anreise: Zum See per Bus ab Taichung (rund 1,5 Stunden); nach Alishan per Bus ab Chiayi, das an der Schnellzugstrecke liegt.
Tipp: Alishan-Tickets für die Waldbahn vorab online buchen – die Sonnenaufgangszüge sind an Wochenenden schnell ausverkauft.

Tainan und Kaohsiung – der Süden, wo Taiwan am meisten Taiwan ist

Tempel in Tainan, Foto: Eagan Hsu/Unsplash
Tempel in Tainan, Foto: Eagan Hsu/Unsplash

Tainan ist die älteste Stadt der Insel, fast 400 Jahre alt, gegründet von der Niederländischen Ostindien-Kompanie und über zwei Jahrhunderte Hauptstadt. Wer verstehen will, warum Taiwaner beim Wort Tainan verklärt lächeln, muss nur essen gehen: Die Stadt gilt als kulinarische Hauptstadt des Landes, Heimat von Gerichten wie Danzai-Nudeln und Sargbrot – frittierter Toast, gefüllt mit Meeresfrüchte-Ragout, der deutlich besser schmeckt, als der Name vermuten lässt. Dazwischen: über tausend Tempel, viele davon die ältesten der Insel, in denen der Alltag stattfindet statt Tourismus. Der Konfuzius-Tempel von 1665 war Taiwans erste Schule.

Eine halbe Zugstunde südlich zeigt Kaohsiung das andere Taiwan: Die einstige Hafen- und Industriestadt hat sich in den letzten fünfzehn Jahren neu erfunden. Aus den alten Lagerhäusern am Hafen wurde das Pier-2 Art Center, ein Kreativquartier voller Galerien, Streetart und Cafés; die Lotus-Pagoden am Lotus-See gehören zu den meistfotografierten Motiven des Landes. Und wer den Kontrast auf die Spitze treiben will, nimmt die Fähre zur vorgelagerten Insel Cijin: fünf Minuten Überfahrt, und man steht zwischen Fischbuden und schwarzem Vulkansand.

Beste Reisezeit: Der Süden ist wärmer und trockener als der Norden – von November bis März herrschen hier angenehme 20 bis 25 Grad.
Anreise: Mit dem Hochgeschwindigkeitszug THSR ab Taipeh in rund zwei Stunden nach Tainan oder Kaohsiung.
Tipp: In Tainan das Viertel um die Shennong Street erkunden – eine restaurierte Handelsgasse aus der Qing-Zeit, abends von Laternen beleuchtet.

Taroko-Schlucht – der verwundete Riese der Ostküste

Taroko-Schlucht, Foto:  Anledry Cobos/Unsplash
Taroko-Schlucht, Foto: Anledry Cobos/Unsplash

Über Jahrzehnte war die Taroko-Schlucht das Postkartenmotiv Taiwans: eine Marmorschlucht, in die sich der Liwu-Fluss bis zu tausend Meter tief gegraben hat. Dann kam der 3. April 2024. Ein Erdbeben der Stärke 7,2 erschütterte die Region um Hualien, Felsstürze begruben Straßen und Wanderwege, der Nationalpark wurde geschlossen. Seither arbeitet Taiwan an der Wiedereröffnung – und die Zwischenbilanz ist besser als befürchtet: Von 28 beschädigten Straßenabschnitten sind 23 wiederhergestellt, Besucherzentrum und mehrere Wanderwege wie der Chongde Trail und der Dali-Datong Trail sind wieder zugänglich. Die vollständige Wiedereröffnung, inklusive vier zerstörter Tunnel, wird allerdings noch Jahre dauern.

Muss man deshalb die Ostküste streichen? Im Gegenteil. Gerade jetzt ist die Region um Hualien auf Besucher angewiesen, und die Highway-11-Route entlang der Pazifikküste in Richtung Taitung gehört ohnehin zu den spektakulärsten Straßen Asiens: links Klippen, rechts Reisfelder, dazwischen Fischerdörfer und heiße Quellen. Das East Rift Valley mit seinen leuchtend grünen Reisterrassen bei Chishang liegt vom Erdbeben unberührt da – und ist so leer, dass man auf dem Fahrrad zwischen den Feldern oft minutenlang keinem Menschen begegnet.

Beste Reisezeit: Oktober bis April; im Sommer treffen Taifune die Ostküste am häufigsten.
Anreise: Ab Taipeh mit dem Zug in rund zwei Stunden nach Hualien; vor Ort ist ein Mietroller oder Fahrer sinnvoll.
Tipp: Vor dem Besuch den aktuellen Öffnungsstatus der Taroko-Trails auf der Nationalpark-Website prüfen – er ändert sich laufend.

Praktisch: Visum, Kosten und die Sache mit dem Taifun

Die gute Nachricht zuerst: Taiwan ist eines der unkompliziertesten Reiseländer Asiens. Deutsche Staatsangehörige reisen bis zu 90 Tage visumfrei ein – nur die digitale Einreisekarte TWAC muss seit 2025 vorab online ausgefüllt werden, frühestens drei Tage vor Ankunft, kostenlos und in wenigen Minuten erledigt. Englisch kommt man in den Städten gut durch, auf dem Land helfen Übersetzungs-Apps und eine Hilfsbereitschaft, die fast schon sprichwörtlich ist: Taiwaner, die Fremde kurzerhand zum Bahnhof begleiten, sind keine Anekdote, sondern Erfahrungswert fast jeder Reise.

Auch das Budget bleibt entspannt. Straßenessen kostet ein bis zwei Euro pro Gericht, ein Doppelzimmer im ordentlichen Mittelklassehotel ist ab 50 bis 70 Euro zu haben, und das Bahnnetz – vom Hochgeschwindigkeitszug bis zur Lokalbahn – ist günstig, pünktlich und dicht. Für eine erste Rundreise sollte man zehn bis zwölf Tage einplanen: Taipeh, Jiufen, Sonne-Mond-See, Alishan, Tainan, Kaohsiung – das ist die klassische Runde, die sich komplett mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren lässt. Bleibt die Taifunfrage: Von Juni bis September können Wirbelstürme die Insel treffen, mit Spitzenzeiten im Juli und August. Wer flexibel ist, reist deshalb zwischen Oktober und April – und bekommt Taiwan von seiner besten Seite: klar, mild und mit Wolkenmeeren über Alishan.

Beste Reisezeit: Oktober bis April, Kirschblüte im Yangmingshan-Nationalpark ab Februar.
Anreise: Nonstop ab München mit EVA Air (ca. 12 Stunden) oder mit einem Stopp ab Frankfurt, Düsseldorf und Wien.
Tipp: Die TWAC-Einreisekarte nur über die offizielle Regierungsseite ausfüllen – sie ist gratis, Drittanbieter-Seiten kassieren unnötige Gebühren.


Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert