Warum gibt es in fast jedem Hotel eine Bibel in der Schublade?
Du öffnest die Nachttischschublade – nicht weil du etwas erwartest, sondern weil man das halt macht, wenn man in einem neuen Hotelzimmer ankommt. Und da liegt sie: die Bibel. Manchmal allein, manchmal zusammen mit einem Tourismusmagazin, einem Restaurantführer oder einem Notizblock mit dem Hotellogo.
In Asien liegt daneben manchmal auch ein buddhistisches Dhammapada. In manchen Häusern in den USA findet sich das Buch Mormon. Aber die Bibel ist die Konstante. Weltweit, in kleinen Motels wie in Fünf-Sterne-Hotels.
Wie kam sie da rein – und warum ist sie geblieben?
Die Gideons und ein Abend in Wisconsin
Die Geschichte beginnt 1898. Zwei Handelsreisende, John Nicholson und Samuel Hill, teilen sich in einem kleinen Hotel in Boscobel, Wisconsin, ein Zimmer – weil kein zweites frei ist. Sie stellen fest, dass sie beide gläubige Christen sind, beten gemeinsam und beschließen, eine Organisation zu gründen, die Reisenden in ihrer Einsamkeit Halt geben soll.
Ein Jahr später, 1899, gründen sie zusammen mit einem weiteren Mann die Gideons International – eine christliche Laienorganisation, deren erklärtes Ziel es ist, Bibeln zu verteilen. Ihr erstes Projekt: Hotelzimmer.
1908 legen sie die erste Bibel in ein Hotelzimmer in Superior, Montana. Was danach folgt, ist eine der geschichtlich erfolgreichsten Verteilungsaktionen. Bis heute haben die Gideons nach eigenen Angaben mehr als zwei Milliarden Bibeln in Hotels, Krankenhäusern, Gefängnissen und Schulen platziert – kostenlos, finanziert durch Spenden der Mitglieder.
Warum Hotels mitmachen
Hotels zahlen nicht für die Bibeln – die Gideons stellen sie kostenlos zur Verfügung. Für ein Hotel ist das ein einfaches Angebot: kein Aufwand, keine Kosten, und ein Gast, der in der Schublade etwas sucht und etwas findet, fühlt sich versorgt.
Es gibt auch eine psychologische Dimension. Das Hotelzimmer ist ein unpersönlicher Raum – fremde Möbel, fremde Gerüche, fremde Stadt. Die Bibel in der Schublade ist für einen Teil der Gäste ein kleines Ankersymbol. Vertrautes in Unbekanntem. Das klingt nach wenig, ist aber für manche Reisende – besonders in den Jahrzehnten, als Geschäftsreisen noch einsamer und weniger vernetzt waren als heute – nicht unwichtig gewesen.
Was sich verändert hat
In den vergangenen Jahren ist die Bibel in der Hotelschublade unter Druck geraten. Viele internationale Hotelketten haben begonnen, sie still und leise zu entfernen – teils auf Wunsch nicht-christlicher Gäste, teils im Rahmen einer allgemeinen Bewegung hin zu religiös neutralen Räumen. Hilton, Marriott und andere große Ketten haben in Teilen ihrer Häuser die Bibeln aus den Zimmern genommen oder sie auf Anfrage verfügbar gemacht, anstatt sie standardmäßig abzulegen.
In anderen Regionen der Welt – den USA, Teilen Lateinamerikas, Südkorea, wo die evangelikale Bewegung stark ist – findet man sie nach wie vor in fast jedem Zimmer.
Ein Objekt, das mehr erzählt als es aussieht
Die Bibel im Hotelzimmer ist eigentlich ein kleines kulturhistorisches Dokument. Sie erzählt von einer Zeit, in der Reisen beschwerlicher und einsamer war, in der ein Geschäftsreisender wochenlang unterwegs sein konnte und kaum Kontakt nach Hause hatte. Sie erzählt von zwei Männern mit einer Idee in einem Hotelzimmer in Wisconsin. Und sie erzählt davon, wie sich eine Geste – kostenlos, freiwillig, ohne Gegenleistung – über mehr als ein Jahrhundert in Milliarden von Zimmern weltweit gehalten hat.
Ob man das für sinnvoll oder anachronistisch hält, ist eine persönliche Entscheidung. Dass es eine Geschichte hat, wissen die wenigsten, die die Schublade öffnen.
Beim nächsten Öffnen der Nachttischschublade weißt du es jetzt.
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