Vergiss Santorini – 5 griechische Inseln ohne Touristenmassen
Jedes Jahr drängen Millionen Reisende nach Santorini und Mykonos – und wundern sich dann über überfüllte Caldera-Wege, Hotelpreise jenseits der 400 Euro und Sonnenuntergänge, die man zwischen einem Dutzend Selfie-Sticks hindurch erleben muss. Dabei besitzt Griechenland mehr als 6.000 Inseln und Inselchen – von denen die meisten nie einen Touristen sehen, der nicht zufällig dort aufgewachsen ist.
Griechenland hat ein Imageproblem – aber nicht das, das man vielleicht erwartet. Das Problem ist nicht, dass das Land zu wenig zu bieten hat. Es ist, dass ein winziger Teil des Landes nahezu den gesamten internationalen Tourismus absorbiert. Santorini empfängt heute mehr Tagesbesucher, als auf der gesamten Insel Einwohner leben; in der Hochsaison kämpfen Reisende um jeden Zentimeter des berühmten Caldera-Weges.
Wer aber bereit ist, eine Fähre statt eines Direktfluges zu nehmen, findet ein gänzlich anderes Griechenland: ruhige Buchten ohne Liegestühle, Dörfer, in denen die Einheimischen noch wissen, wer die Fremden sind, und eine Gastfreundschaft, die nicht von der Massenindustrie aufgerieben wurde. Diese fünf Inseln sind der Beweis dafür.
1. Folegandros – das stille Juwel der Kykladen
Wer Folegandros zum ersten Mal von der Fähre aus sieht, ist überrumpelt: Die Insel erhebt sich aus dem Meer wie eine zerklüftete Festung, steil und unwirtlich. Dann betritt man Chora – und vergisst alles andere.
Das Hauptdorf der Insel liegt auf einem 300 Meter hohen Felssporn und ist für viele Reisende schlicht die schönste Chora der Kykladen. Enge Gässchen, bougainvilleaberankte Durchgänge und kleine Plätze mit Tavernen – hier spielt sich das Leben noch draußen ab, aber in einem Tempo, das man sich selbst aussuchen kann. Das mittelalterliche Kastro, dessen weiße Häuserfronten gleichzeitig Stadtmauer und Wohngebäude sind, ist architektonisch einzigartig im gesamten Archipel. Auf dem höchsten Punkt thront die Kirche Panagia, zu der eine steile Treppe hinaufführt – der Ausblick auf das tiefblaue Meer entschädigt für jeden Schweißtropfen.
Was Folegandros vor dem großen Tourismusstrom bewahrt hat: Es gibt keinen Flughafen. Wer hierherkommt, muss die Fähre nehmen, mindestens von Piräus oder einer der Nachbarinseln. Diese kleine Hürde filtert einen Großteil des schnellen Durchgangstourismus heraus.
Die Strände sind nichts für Bequeme – und genau das ist ihr Charme. Der Strand Agali liegt in einer geschützten Bucht und ist mit dem Bus oder zu Fuß erreichbar; sein azurklares Wasser und der grobe weiße Sand machen ihn zu einem der schönsten der Insel. Wer es noch abgelegener will, nimmt ein Badeboot zum Strand Katergo im Süden – keine Sonnenliegen, keine Strandbar, nur Wasser, Felsen und Stille.
Beste Reisezeit: Mai bis Juni und September, wenn Chora angenehm voll, aber nicht überlaufen ist.
Anreise: Fähre von Piräus (ca. 5–6 Stunden Schnellfähre) oder von Santorini, Milos oder Ios.
Tipp: Die Höhle Chrysospilia an der Nordküste war in der Antike Kultstätte und enthält Inschriften aus dem 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. – ein Fund, der überraschend wenig bekannt ist.
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2. Amorgos – Dramatik am Ende der Kykladen
Amorgos ist die östlichste der Kykladen, und man merkt es. Die Insel liegt schon halb im Weg der Windströmungen, die vom Norden herunterfegen, und die Landschaft trägt diese raue Energie: himmelhohe Felsen, tiefblaues Wasser, antike Maultierpfade, die durch trockene Macchia führen.
Das Kloster Panagia Hozoviotissa ist das bekannteste Bauwerk der Insel und eines der beeindruckendsten Griechenlands überhaupt: Ein weiß gekalktes Gebäude aus dem 11. Jahrhundert, das direkt in eine senkrechte Felswand 300 Meter über dem Meer gebaut wurde – als habe jemand ein Haus in eine Klippe gemeißelt. Acht Stockwerke hoch, verbunden durch enge Steintreppen. Wer die 350 Stufen hinaufsteigt, wird mit einem Gespräch bei Raki und loukoumades (süße Teigkugeln) von einem der wenigen verbliebenen Mönche empfangen – ein Erlebnis, das es so auf den bekannten Inseln schlicht nicht gibt.
Das breite Publikum kennt Amorgos aus einem anderen Zusammenhang: Luc Bessons Film „The Big Blue“ (1988) wurde größtenteils hier gedreht. Die ungewöhnlich klaren, tiefen Gewässer rund um die Insel haben auch deshalb bis heute eine treue Taucher- und Schnorchel-Gemeinde angezogen.
Wanderer finden auf Amorgos ein weitläufiges Netz antiker Saumpfade, die Dörfer, Klöster und abgelegene Buchten verbinden. Der Weg von Chora nach Agia Anna Beach gehört zu den klassischen Touren: Er führt über Kämme mit Panoramablick und endet an einem der schönsten Strände der Insel, wo der Fels direkt ins Meer abfällt.
Amorgos ist nicht der Ort für Liegestuhl und Cocktailbar. Es ist der Ort für Menschen, die Griechenland mit den Füßen erkunden und dabei auf kaum einen anderen treffen wollen.
Beste Reisezeit: Mai bis Oktober, wobei Juli und August die einzigen Monate sind, in denen sich etwas mehr Betrieb einschleicht.
Anreise: Fähre von Piräus (7–10 Stunden je nach Verbindung) oder via Naxos.
Tipp: Die Chora von Amorgos mit ihrer venezianischen Burg aus dem 13. Jahrhundert liegt auf einem Felsen 350 Meter über dem Meeresspiegel – am frühen Morgen, wenn noch niemand da ist, ist sie ein eigenes Erlebnis.
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3. Sifnos – die kulinarische Seele der Kykladen
Auf Sifnos versteht man nicht gleich, was diese Insel besonders macht. Sie ist schön, klar – weiße Dörfer, gepflegte Wanderwege, gute Strände. Aber das ist sie mit Dutzenden anderen Kykladen-Inseln auch. Der Unterschied liegt auf dem Teller.
Sifnos gilt als die Gastronomie-Insel Griechenlands. Das ist keine Marketing-Phrase, sondern historisch begründet: Nikos Tselementes, Autor des ersten modernen griechischen Kochbuchs (1910), stammte von hier. Die Insel produzierte über Generationen überproportional viele der besten Köche des Landes – eine Tradition, die bis heute in den Tavernen weitergelebt wird.
Das Inselgericht schlechthin ist Revythada: Kichererbseneintopf, der über Nacht in Regenwasser in einem Tonkrug im Ofen gegart wird. Das Ergebnis ist eine cremige, tiefgreifend gewürzte Suppe, die so einfach ist wie unverwechselbar. Genauso unverzichtbar: Mastelo, Lamm oder Ziegenfleisch, langsam in Rotwein gegart, sowie der Kaparosalata, ein Kapern-Salat, den man auf dem Festland vergeblich in dieser Qualität sucht.
Die Strände halten, was das Dorf verspricht. Vathi ist eine geschützte Bucht im Südosten, deren halbrundes Ufer von einem Fischerort und mehreren Tavernen gesäumt wird – abends sitzen Einheimische und Reisende gemeinsam unter Holzdächern am Wasser. Kamares, der Hafenort, hat einen langen Strand mit feinem Sand. Cheronissos im Norden ist der Geheimtipp für alle, die es unberührt wollen: ein kleines Fischereihafen-Tal, fast ohne Touristeninfrastruktur.
Sifnos hat keinen Flughafen und keine Kreuzfahrtterminals. Wer kommt, bleibt. Die typische Aufenthaltsdauer liegt bei fünf bis sieben Tagen – genug Zeit, um alle Dörfer zu Fuß zu verbinden und die Insel langsam kennenzulernen.
Beste Reisezeit: Mai bis Juni oder September, wenn die Insel atmet und die Gerichte der Saison in vollem Gange sind.
Anreise: Fähre von Piräus (ca. 3–4 Stunden Schnellfähre) oder von Milos (ca. 1 Stunde).
Tipp: Apollonia und Artemonas, die Hauptdörfer im Inselzentrum, sind durch einen Fußweg verbunden – die Route abends zu gehen, wenn die Tavernen öffnen und die Gassen aufleben, ist das Beste, was Sifnos zu bieten hat.
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4. Koufonisia – die Karibik Griechenlands
Es gibt Reisende, die Koufonisia einmal besuchen und dann nie wieder über andere Inseln reden. Das klingt nach Übertreibung, ist es aber kaum.
Koufonisia ist eigentlich ein Inselpaar: das bewohnte Ano Koufonisi und das unbewohnte Kato Koufonisi, die durch einen schmalen Wasserstreifen getrennt sind. Zusammen sind sie kaum größer als ein mittelgroßes Dorf – aber was für Strände.
Das Wasser um Koufonisia ist türkisfarben auf eine Art, die man normalerweise mit der Karibik oder den Malediven assoziiert, nicht mit der Ägäis. Die Farbe kommt von der Kombination aus hellem Sandgrund, flachen Buchten und dem klaren Meerwasser. Pori Beach, ein halbmondförmiger Bogen im Norden der Insel, ist einer der schönsten Strände Griechenlands – ohne Organigramm der Liegestuhl-Anbieter, ohne Strandbar, einfach Sand und Meer. Italida, auch als Platia Pounda bekannt, bietet ähnliche Wasserfarben mit noch weniger Betrieb.
Das Dorf Ano Koufonisi ist ein einziges Labyrinth weißer Gassen, das auf einem kleinen Hügel über dem Hafen liegt. Hier ist alles zu Fuß erreichbar; Motorräder und Autos gibt es zwar, aber das Tempo der Insel verleitet dazu, sie stehenzulassen.
Koufonisia ist nicht unbekannt – in der griechischen Bevölkerung ist die Insel seit Jahren ein Liebling. Aber international ist sie es bisher nicht. Das ändert sich gerade langsam, weshalb ein Besuch in den kommenden Jahren – besonders im Juni oder September – ratsamer ist, als zu warten, bis die Preise und die Nachfrage nachgezogen haben.
Beste Reisezeit: Juni oder September. Juli und August füllen die Insel schnell, und die Unterkünfte sind begrenzt.
Anreise: Fähre von Piräus (5–9 Stunden je nach Verbindung) oder von Naxos (ca. 45 Minuten).
Tipp: Eine kleine Bootstour zu Kato Koufonisi ist Pflicht. Die unbewohnte Insel hat eine Handvoll weitläufiger Strände, die für einige Stunden vollständige Einsamkeit versprechen – besonders in der Nebensaison.
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5. Kimolos – das unberührte Nachbareiland von Milos
Milos ist für sein Strandbad-Panorama und seine bunten Boothäuser (syrmata) bekannt – und zieht entsprechend Besucher an. Wer von Milos aus zur Fähre in Pollonia geht und die kleine Überfahrt nach Kimolos nimmt (10 bis 15 Minuten), landet auf einer Insel, die Milos in seinem früheren Zustand ähneln könnte: unaufgeregt, authentisch, in weiten Teilen unberührt.
Kimolos hat keine Flughäfen, keine Reiseagenturen und keinen Massentourismus. Was es hat: das nach Reiserbewertungen weltweit klarste Wasser am Strand Prassa, einen einzigen Hauptort (Chorio) mit mittelalterlichem Kastro-Viertel und malerischen Fischereigehöften am Hafen Psathi, deren Bootsgaragentore in Orangetönen, Blau und Gelb gestrichen sind.
Die Strände Agios Georgios, Aliki und Kalamitsi besitzen denselben feinen, weißen Sand und dieselben milchigblauen Gewässer, für die man anderswo Hunderte Euro Übernachtungskosten zahlt – nur dass hier kaum jemand liegt. Die Infrastruktur ist bescheiden: ein paar Tavernen, eine Handvoll Vermieter, kein Hotelkomplex.
Der Hauptort Chorio zeigt, wie Kykladen-Dörfer gebaut wurden, bevor der Tourismus sie zu Postkartenmotiven gemacht hat: ohne Rücksicht auf Instagramtauglichkeit, mit Logik und Funktion. Das Kastro-Viertel, ein mittelalterlicher Kern mit verwinkelten Gassen und Tordurchgängen, ist architektonisch von hohem Interesse – und von den meisten Besuchern vollständig ignoriert.
Kimolos ist eine Insel für Reisende, die bewusst auf die Vollausstattung verzichten wollen. Keine Einkaufszentren, kein Nachtleben, keine Kreuzfahrtschiffe vor dem Hafen. Dafür ein Griechenland, das sich still und selbstverständlich anfühlt.
Beste Reisezeit: Juni oder September. Im Juli und August bleibt die Insel im Vergleich zu anderen ruhig, aber frühzeitige Buchung ist empfehlenswert.
Anreise: Fähre von Piräus (ca. 5–6 Stunden) oder Kurzüberfahrt von Pollonia (Milos) – nur 10 bis 15 Minuten.
Tipp: Die farbigen Syrmata-Bootsgaragentore nahe dem Hafen Psathi sind nicht nur Fotomotiv, sondern aktiv genutzte Fischerschuppen – am frühen Morgen herrscht dort echter Hafenbetrieb.
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Was diese fünf Inseln gemeinsam haben
Keine der fünf Inseln hat einen Flughafen. Das ist kein Zufall: Der fehlende Direktanflug ist der wichtigste strukturelle Schutz vor Massentourismus. Wer die Fähre nimmt, entscheidet sich bewusst – und dieser Entschluss filtert einen bestimmten Typ Reisenden heraus.
Was man auf diesen Inseln nicht findet: Infinity-Pools über der Caldera, Clubs bis sechs Uhr morgens, All-Inclusive-Resorts, Kreuzfahrtschiffe im Hafen. Was man stattdessen findet: Tavernen mit Tageskarte, Vermieter, die persönlich den Schlüssel bringen, Strände, auf denen kein Liegenverleih das Bild bestimmt, und eine Ägäis, die tatsächlich noch nach Salz und Oregano riecht.
Griechenland hat genügend Inseln für jeden Reisetyp. Wer bereit ist, eine Fähre zu nehmen, wird belohnt.
Alle Fähranschlüsse von Piräus; Buchungen über ferryscanner.com oder ferryhopper.com. Für Unterkunftsbuchungen auf kleinen Inseln empfiehlt sich frühzeitige Direktbuchung bei lokalen Vermietern – Plattformangebote sind in der Nebensaison oft begrenzt.
